Schulbegleitung bei einem Jungen mit Asperger-Syndrom.

Justin hatte im Frühjahr 2008 die Diagnose „Asperger-Störung“ nach mehrwöchigem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Olvenstedt erhalten und erhält nun Leistungen zur Eingliederungshilfe nach § 35a KJHG. Neben wöchentlicher Förderung im „Leuchtturm“ und Hausintervention bei Justin zu Hause erhält er 15 Stunden Schulbegleitung in der Woche. Im Sommer 2008 habe ich die ganzheitliche Begleitung mit einem Förderumfang von 21 Stunden übernommen.

Justin besucht seit August 2006 eine Grundschule und wiederholt nach leistungs- und ausfallbedingten Klassenwechsel die 2. Klasse. Der Wechsel in die neue Klasse zum Schuljahr 2008/2009 schien für Justin zunächst eine große Hürde zu sein. Er war anfangs sehr eingeschüchtert und klagte immer wieder, dass er in seine alte Klasse zurück wolle. Die kontinuierliche Schulbegleitung und damit verbundene emotionale Unterstützung gab ihm schnell Sicherheit und so war er in der Lage, die neue Situation anzunehmen.

Relativ schnell gab es für die Mitschüler und Lehrer eine Aufklärung über das Störungsbild und die Rolle meiner Person als Schulbegleitung. Die Aufklärung wurde mit Justin in den Förderstunden im „Leuchtturm“ erarbeitet und erfolgte gemeinsam mit mir als Schulbegleitung. Die Kinder reagieren auf Justin seitdem sehr verständnisvoll und der Umgang ist für beide Seiten zunehmend angenehm. Es gibt während der Schulzeit immer wieder kurze Gespräche, Absprachen oder Hinweise für die Kinder, Erzieher und Lehrer, wie auf Fehlverhalten von Justin angemessen reagiert werden kann (nicht lachen/ignorieren). Der Austausch bzw. die Aufklärung über das Störungsbild mit Lehrern, Erziehern und Förderlehrern stellte sich als unerlässlichen Bestandteil der Schulbegleitung heraus, um Verständnis und das Anwenden einheitlicher Methoden und gemeinsames Arbeiten überhaupt zu ermöglichen bzw. auf lange Sicht auch unabhängiges Arbeiten von mir als Schulbegleitung zu fördern.

Zu Beginn des Schuljahres wurden gleichzeitig mit der Aufklärung einige Strukturierungsmaßnahmen durchgeführt. Dazu gehörten die farbliche Kennzeichnung der Arbeitsmaterialien und Übertragung dieser farblichen Kennzeichnung auf den Stundenplan, die es Justin ermöglichen, sich auf dem Stundenplan zurecht zu finden. Der Tag wurde somit für Justin verständlich und vorhersehbar, was ihm eine gewisse Sicherheit gab. Auch das Hausaufgabenheft wurde so gestaltet, dass Justin zunehmend in der Lage ist, Hausaufgaben selbstständig einzutragen und auch wiederzufinden. Das Hausaufgabenheft wurde im A4 – Format gestaltet, da Justin gedruckt und sehr groß schreibt, was häufig zu einer Verweigerungshaltung und Wutausbrüchen führte, wenn er in das handelsübliche Heft einschreiben sollte. Er ist seitdem zunehmend in der Lage, sich selbstständig auf den Unterricht vor- und nachzubereiten, benötigt jedoch häufig noch die Aufforderung dazu.

Durch die beschriebenen Strukturierungsmaßnahmen konnte eine gewisse Transparenz erreicht werden, die Justin zunehmend Sicherheit und Selbstständigkeit im Schulalltag ermöglichen. Er bleibt fast immer an seinem Arbeitsplatz sitzen und es sind insgesamt weniger störende Verhaltensweisen beobachtbar. Justin zeigt insgesamt wenig Eigenmotivation am Unterricht teilzunehmen bzw. fehlendes Verständnis, wozu er lesen, rechnen und schreiben muss. Die Motivation zur Mitarbeit konnte durch die Einführung eines Belohnungssystems realisiert werden. Justin erhält nach jeder Stunde „lachende“ oder „weinende“ Gesichter in einem Hefter, den er immer bei sich führt. Am Ende des Schultages erfolgt eine Auswertung und bei entsprechender Anzahl von lachenden Gesichtern darf er sich eine kleine Belohnung aus seiner „Schatzkiste“ nehmen, die gemeinsam mit ihm zusammen erstellt wurde.

Es wurde weiterhin eine individuelle Pausenregelung (Arbeiten-Pause-Arbeiten-Pause) eingeführt, wodurch das Arbeitspensum für Justin überschaubar wurde und seiner Konzentrationsfähigkeit entgegenkommt. Die Pausen sind ebenfalls klar begrenzt durch eine entsprechende Sanduhr, die er selbstständig benutzt. In den Arbeitspausen darf er sich entweder leise mit ihn interessierenden Dingen beschäftigen (z.B. malen) oder er darf sich entspannen bei gleichzeitiger taktiler Reizung (Kraulen, tippen auf dem Rücken). Justin sitzt in der ersten Reihe allein an einem Tisch, wodurch Hilfestellungen durch mich als Schulbegleitung jederzeit möglich sind, aber auch relativ störungsfreies Arbeiten ermöglicht wird. Durch einhergehende Aufgabenumstellung seinem Verständnis entsprechend durch mich als Schulbegleitung im Unterricht und auch in den Klassenarbeiten ist Justin zunehmend in der Lage dem Unterrichtsstoff zu folgen und gemeinsam mit den anderen Kindern den gleichen Schulstoff zu bearbeiten und entsprechend seinen Fähigkeiten zu bewältigen.

In den parallel stattfindenden Förderstunden im „Leuchtturm“ können in der Schule beobachtete Defizite und Probleme aufgegriffen werden. Im Fordergrund stehen hier das Erweitern Justins sozialer Kompetenzen aber auch Konzentrationstraining und Ausbau schulischer Fertigkeiten. Viele angewandte Methoden konnten hier zunächst im sicheren Rahmen der Ambulanzräume ausprobiert und geübt werden und wurden dann auf die Schule übertragen. Dies gab Justin viel benötigte Sicherheit. Justin hat große Probleme Gefühle differenziert wahrzunehmen und zu benennen, was aber Grundlage für soziales Handeln darstellt. Es wurde begonnen unterschiedliche Gefühle zu benennen und auch mal nachzustellen evtl. nachzuempfinden, bereitet Justin aber nach wie vor entsprechend seinem Störungsbild große Probleme und bedarf vieler weiterer Trainingseinheiten. Bei der parallel stattfindenden Hausintervention stellte sich schnell heraus, dass die Gespräche mit der Mutter ein wichtiger Bestandteil sein müssen. Nur so war es möglich eine gewisse Transparenz der angewandten Methoden und Strukturierungsmaßnahmen auch der Mutter nahe zubringen und im häuslichen Umfeld zunehmend umzusetzen. Die Mutter konnte über schulische Defizite informiert werden und gezielt notwendige schulische Fertigkeiten antrainieren.

Insgesamt sind viele Fortschritte zu beobachten, welche auch von der Schule und der Mutter bestätigt werden.

Erfahrungsbericht mit dem Therapiezentrum „Leuchtturm“

Als wir nach jahrelangem Diagnostik-Marathon endlich im Frühjahr 2007 den Befund „frühkindlicher Autismus“ vom Sozialpädiatrischen Zentrum Magdeburg (SPZ) schwarz auf weiß erhielten, sah ich mich gezielt nach Hilfe für meinen Sohn um. Der Verdacht auf Autismus bei Robbie bestand schon seit er 2 ½ Jahre alt war, jedoch mussten erst sämtliche andere in Frage kommenden Ursachen für seine Verhaltensauffälligkeiten widerlegt werden. Seitens des SPZ wurde ich auf den Verein „Autismus-Magdeburg“ aufmerksam gemacht, alles Weitere lag nun bei mir.

Im Internet fand ich schnell die Homepage des Vereines, notierte mir Telefonnummern und nahm Kontakt zu Frau Hilgendorf auf. Sehr bald vereinbarten wir einen Hausbesuchstermin. Frau Hilgendorf (ein Vereinsmitglied) kam zusammen mit Frau Rickert (Mitarbeiterin der Ambulanz) zu uns nach Haus, um unsere Familie kennen zu lernen und machten mir sofort ein konkretes Hilfsangebot für meinen Sohn. Zu unserem Glück stand die Eröffnung der Autismus-Ambulanz „Leuchtturm“ bevor, wo Robbie durch Frau Rickert therapeutische Hilfe bekommen würde.

Zu allererst mussten jedoch behördliche Hürden genommen werden. Nach Beantragung der Eingliederungshilfe beim zuständigen Jugendamt und weiteren Monaten Wartezeit wegen der Bearbeitung legten wir endlich im September 2007 in der Ambulanz los. Natürlich hatte ich auch meine Zweifel. Schließlich bekam mein Sohn schon seit seinem 1. Lebensjahr fördernde Therapien, z. B. Physio-, Ergo- u. Musiktherapie sowie logopädische Betreuung. Er geht in einen integrativen Kindergarten. Also stellte ich mir auch die Frage: Was ist anders bei der Förderung in der Ambulanz „Leuchtturm“? Welche Ergebnisse lassen sich erzielen?

Um Antworten zu bekommen beschloss ich, keine Möglichkeit auszulassen, um meinem Sohn und auch der Familie, die mit einem behinderten Kind oft zu kurz kommt, zu helfen. Über das dort angewandte – „Training“ nach der TEACCH-Methode hatte ich schon einige positive Berichte gelesen und war sehr gespannt.

Ich bekam vom Jugendamt 4 Stunden Therapie genehmigt, und so vereinbarten wir zwei Nachmittage in der Woche, von denen einer im „ Leuchtturm“ und einer als Hausintervention stattfindet. Anfangs tat sich mein Sohn schwer mit der neuen Situation, er wich mir nicht von der Seite. Es braucht eben alles seine Zeit und diese konnte Robbie sich nehmen. Alles Neue und Ungewohnte bedeutet großen inneren Stress und Verunsicherung für Autisten. Aber Frau Rickert und Robbie haben das prima gemeistert und sehr zu meiner Freude zeigte Robbie bald gute Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Danach lernte er in einem hohen Tempo und er zeigte Fähigkeiten, dass ich sprachlos war. Robbie legte einfache Puzzles, sortierte Farben und Formen, fing an zu malen oder besser kritzeln – wie man möchte. Solche Dinge kannte ich von meinem Sohn kaum und war über sein Verständnis für die Übungen total erstaunt. So konnte ich sehen, was ihm zuzumuten ist. Ich muss gestehen, dass ich ihm immer zu wenig zugetraut habe. Nach jeder Aufgabe folgt eine kurze Pause zum Entspannen und dann ist wieder Konzentration gefragt. Robbie bestimmt das Lerntempo, was immer wieder zu jeder Übung neu angepasst wird. Ganz großen Wert wird auf viel Lob für gut gemachte Übungen gelegt.

Darauf reagieren die Kinder toll, Robbies Gesicht erstrahlt jedes Mal, wenn er gelobt wird. Er wartet richtig darauf. Manchmal hält er mitten in der Bewegung inne und setzt seine Übung erst fort, wenn er das in seinen Augen verdiente Lob erhält. Das funktioniert ganz toll und ist eine riesige Motivation für ihn. Durch diese auch für mich neue Erfahrung lernte ich, Robbie im Alltag auf verschiedene Weise herauszufordern, was uns bei Erfolgen natürlich große Freude bereitete. Klappt etwas nicht oder nicht gut, war gleich ein neuer Ansatz zum Üben mit Frau Rickert gefunden.

Natürlich kommt auch der Spaß nicht zu kurz. Schaukeln, Klettern, mit dem Rollbrett fahren und auch mal ausgelassenes Toben gehört als Entspannungsphase genauso zur Therapie wie das konzentrierte Lernen. Die Pausen dürfen von Robbie mitbestimmt werden. Durch diese kleinen „Belohnungen“ hat er immer ein Ziel, für das es lohnt sich anzustrengen.

Jedenfalls ermöglicht die individuelle Arbeit und speziell auf seine Bedürfnisse ausgerichtete Therapie in der Ambulanz, dass er Freude an sinnvoller Beschäftigung findet und Fähigkeiten zu Tage fördert, an die ich ehrlich gesagt nicht im Traum gedacht habe. Ich bin sehr stolz auf Robbie, wenn er wieder etwas Neues gelernt hat und durch die Hausbesuche werde ich und bei Bedarf der Rest unserer Familie angeleitet, die gelernten Dinge auch zu Hause umzusetzen. So kann ich Robbie schon mal eine kleine Aufgabe geben, z. B. mit Holzperlen eine Kette fädeln oder Dinge nach Farben sortieren, die er dann allein ausführt. Noch vor einem halben Jahr war so etwas aussichtslos. Durch regelmäßige Übungszeiten auch zu Haus ist der Alltag etwas strukturierter, aber wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns, denn das soll ja erst der Anfang sein.

Robbie hat eine fast eigene, größtenteils unverständliche Sprache entwickelt, die unbedingt noch der unsrigen „angepasst“ werden muss. Wir kämpfen praktisch um jedes neue Wort und mittlerweile zeigt er auch selbst Interesse, Wörter nachzusprechen und teilweise auch richtig anzuwenden. Frau Rickert hat mir Methoden gezeigt, wie ich Robbie dazu bringe, seine Wünsche verbal zu äußern und es ist jedes Mal ein kleines Fest, wenn wieder ein Wort gelungen ist. Selbst von der Logopädin aus dem Kindergarten habe ich positive Resonanz bekommen und das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Erzieherinnen, Ergo- und Physiotherapeuten bestätigen mir ebenfalls Robbies gute Entwicklung im letzten Jahr.

Wir fühlen uns im „Leuchtturm“ sehr gut aufgehoben, für meine Probleme finde ich immer ein offenes Ohr und alle Mitarbeiter sowohl vom Verein als auch vom Therapiezentrum engagieren sich sehr und das gibt mir auch die Kraft zum Durchhalten. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, für Robbie genauso wie für mich, nach einem Arbeits- bzw. Kindergartentag noch mal zu „arbeiten“, sind die bisherigen Ergebnisse immer wieder genug Motivation für uns. Ich bin optimistisch, dass sich die Mühe und der Aufwand für alle Beteiligten lohnen. Nicht zuletzt merkt auch Robbie selbst, dass er Erfolge erzielt. Er eckt nicht mehr so oft an und ist ausgeglichener geworden. Seine Umwelt versteht ihn besser und er kann sich in einem bestimmten Rahmen sicherer verhalten.

Ich hoffe, dass ich mit meinem Bericht einigen Menschen Mut machen kann, auch mal über den eigenen Schatten zu springen und Hilfe anzunehmen. Sicher fällt es manchmal nicht leicht, einen streng strukturierten Alltag konsequent durchzuführen, es kommt immer mal unplanmäßig etwas dazwischen, aber genau dann ist es wichtig, nicht allein dazustehen und Hilfe von außen zu bekommen.

Verfasserin: Nadine B. – Mutter von Robbie (5 Jahre), März 2008