Als wir nach jahrelangem Diagnostik-Marathon endlich im Frühjahr 2007 den Befund „frühkindlicher Autismus“ vom Sozialpädiatrischen Zentrum Magdeburg (SPZ) schwarz auf weiß erhielten, sah ich mich gezielt nach Hilfe für meinen Sohn um. Der Verdacht auf Autismus bei Robbie bestand schon seit er 2 ½ Jahre alt war, jedoch mussten erst sämtliche andere in Frage kommenden Ursachen für seine Verhaltensauffälligkeiten widerlegt werden. Seitens des SPZ wurde ich auf den Verein „Autismus-Magdeburg“ aufmerksam gemacht, alles Weitere lag nun bei mir.

Im Internet fand ich schnell die Homepage des Vereines, notierte mir Telefonnummern und nahm Kontakt zu Frau Hilgendorf auf. Sehr bald vereinbarten wir einen Hausbesuchstermin. Frau Hilgendorf (ein Vereinsmitglied) kam zusammen mit Frau Rickert (Mitarbeiterin der Ambulanz) zu uns nach Haus, um unsere Familie kennen zu lernen und machten mir sofort ein konkretes Hilfsangebot für meinen Sohn. Zu unserem Glück stand die Eröffnung der Autismus-Ambulanz „Leuchtturm“ bevor, wo Robbie durch Frau Rickert therapeutische Hilfe bekommen würde.

Zu allererst mussten jedoch behördliche Hürden genommen werden. Nach Beantragung der Eingliederungshilfe beim zuständigen Jugendamt und weiteren Monaten Wartezeit wegen der Bearbeitung legten wir endlich im September 2007 in der Ambulanz los. Natürlich hatte ich auch meine Zweifel. Schließlich bekam mein Sohn schon seit seinem 1. Lebensjahr fördernde Therapien, z. B. Physio-, Ergo- u. Musiktherapie sowie logopädische Betreuung. Er geht in einen integrativen Kindergarten. Also stellte ich mir auch die Frage: Was ist anders bei der Förderung in der Ambulanz „Leuchtturm“? Welche Ergebnisse lassen sich erzielen?

Um Antworten zu bekommen beschloss ich, keine Möglichkeit auszulassen, um meinem Sohn und auch der Familie, die mit einem behinderten Kind oft zu kurz kommt, zu helfen. Über das dort angewandte – „Training“ nach der TEACCH-Methode hatte ich schon einige positive Berichte gelesen und war sehr gespannt.

Ich bekam vom Jugendamt 4 Stunden Therapie genehmigt, und so vereinbarten wir zwei Nachmittage in der Woche, von denen einer im „ Leuchtturm“ und einer als Hausintervention stattfindet. Anfangs tat sich mein Sohn schwer mit der neuen Situation, er wich mir nicht von der Seite. Es braucht eben alles seine Zeit und diese konnte Robbie sich nehmen. Alles Neue und Ungewohnte bedeutet großen inneren Stress und Verunsicherung für Autisten. Aber Frau Rickert und Robbie haben das prima gemeistert und sehr zu meiner Freude zeigte Robbie bald gute Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Danach lernte er in einem hohen Tempo und er zeigte Fähigkeiten, dass ich sprachlos war. Robbie legte einfache Puzzles, sortierte Farben und Formen, fing an zu malen oder besser kritzeln – wie man möchte. Solche Dinge kannte ich von meinem Sohn kaum und war über sein Verständnis für die Übungen total erstaunt. So konnte ich sehen, was ihm zuzumuten ist. Ich muss gestehen, dass ich ihm immer zu wenig zugetraut habe. Nach jeder Aufgabe folgt eine kurze Pause zum Entspannen und dann ist wieder Konzentration gefragt. Robbie bestimmt das Lerntempo, was immer wieder zu jeder Übung neu angepasst wird. Ganz großen Wert wird auf viel Lob für gut gemachte Übungen gelegt.

Darauf reagieren die Kinder toll, Robbies Gesicht erstrahlt jedes Mal, wenn er gelobt wird. Er wartet richtig darauf. Manchmal hält er mitten in der Bewegung inne und setzt seine Übung erst fort, wenn er das in seinen Augen verdiente Lob erhält. Das funktioniert ganz toll und ist eine riesige Motivation für ihn. Durch diese auch für mich neue Erfahrung lernte ich, Robbie im Alltag auf verschiedene Weise herauszufordern, was uns bei Erfolgen natürlich große Freude bereitete. Klappt etwas nicht oder nicht gut, war gleich ein neuer Ansatz zum Üben mit Frau Rickert gefunden.

Natürlich kommt auch der Spaß nicht zu kurz. Schaukeln, Klettern, mit dem Rollbrett fahren und auch mal ausgelassenes Toben gehört als Entspannungsphase genauso zur Therapie wie das konzentrierte Lernen. Die Pausen dürfen von Robbie mitbestimmt werden. Durch diese kleinen „Belohnungen“ hat er immer ein Ziel, für das es lohnt sich anzustrengen.

Jedenfalls ermöglicht die individuelle Arbeit und speziell auf seine Bedürfnisse ausgerichtete Therapie in der Ambulanz, dass er Freude an sinnvoller Beschäftigung findet und Fähigkeiten zu Tage fördert, an die ich ehrlich gesagt nicht im Traum gedacht habe. Ich bin sehr stolz auf Robbie, wenn er wieder etwas Neues gelernt hat und durch die Hausbesuche werde ich und bei Bedarf der Rest unserer Familie angeleitet, die gelernten Dinge auch zu Hause umzusetzen. So kann ich Robbie schon mal eine kleine Aufgabe geben, z. B. mit Holzperlen eine Kette fädeln oder Dinge nach Farben sortieren, die er dann allein ausführt. Noch vor einem halben Jahr war so etwas aussichtslos. Durch regelmäßige Übungszeiten auch zu Haus ist der Alltag etwas strukturierter, aber wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns, denn das soll ja erst der Anfang sein.

Robbie hat eine fast eigene, größtenteils unverständliche Sprache entwickelt, die unbedingt noch der unsrigen „angepasst“ werden muss. Wir kämpfen praktisch um jedes neue Wort und mittlerweile zeigt er auch selbst Interesse, Wörter nachzusprechen und teilweise auch richtig anzuwenden. Frau Rickert hat mir Methoden gezeigt, wie ich Robbie dazu bringe, seine Wünsche verbal zu äußern und es ist jedes Mal ein kleines Fest, wenn wieder ein Wort gelungen ist. Selbst von der Logopädin aus dem Kindergarten habe ich positive Resonanz bekommen und das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Erzieherinnen, Ergo- und Physiotherapeuten bestätigen mir ebenfalls Robbies gute Entwicklung im letzten Jahr.

Wir fühlen uns im „Leuchtturm“ sehr gut aufgehoben, für meine Probleme finde ich immer ein offenes Ohr und alle Mitarbeiter sowohl vom Verein als auch vom Therapiezentrum engagieren sich sehr und das gibt mir auch die Kraft zum Durchhalten. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, für Robbie genauso wie für mich, nach einem Arbeits- bzw. Kindergartentag noch mal zu „arbeiten“, sind die bisherigen Ergebnisse immer wieder genug Motivation für uns. Ich bin optimistisch, dass sich die Mühe und der Aufwand für alle Beteiligten lohnen. Nicht zuletzt merkt auch Robbie selbst, dass er Erfolge erzielt. Er eckt nicht mehr so oft an und ist ausgeglichener geworden. Seine Umwelt versteht ihn besser und er kann sich in einem bestimmten Rahmen sicherer verhalten.

Ich hoffe, dass ich mit meinem Bericht einigen Menschen Mut machen kann, auch mal über den eigenen Schatten zu springen und Hilfe anzunehmen. Sicher fällt es manchmal nicht leicht, einen streng strukturierten Alltag konsequent durchzuführen, es kommt immer mal unplanmäßig etwas dazwischen, aber genau dann ist es wichtig, nicht allein dazustehen und Hilfe von außen zu bekommen.

Verfasserin: Nadine B. – Mutter von Robbie (5 Jahre), März 2008